...Wanderer der Nacht, hier erfahrt Ihr ein klein wenig über mich...

Sinthgunt


Es begab sich zu einer Zeit, dass unter den Menschen eine eisige Kälte herrschte, aber doch waren noch nicht alle Herzen von dieser kalten Hand des Hasses, des Zwietracht umfasst... Und in dem Jahre 1977 wurde ein Wesen der Finsternis geboren, am elften Tage des Monats März...
Die allmächtige Finsternis, die an diesem Tage eines ihrer Kinder geboren wusste, breitete sich unbemerkt über der ganzen Stadt aus, die da hieß Hannover... Und so schmiegt sich die Stadt noch bis heute in den wärmenden Mantel der Mutter Finsternis, sanft erhellt durch den gütigen Schein des Vaters Mond...
Hineingeboren in eine unbekannte Zukunft, in die Welt der Sterblichen, fand sich das Wesen wieder in den Armen einer liebenden Mutter und eines Juristen, der später großen Einfluss auf die Einstellung gegenüber anderen Menschen und der großen Ungerechtigkeit im Leben nehmen sollte... Das Wesen wurde umhegt und umsorgt, es sollte ihm an nichts mangeln; und doch fühlte es sich einsam, rastlos suchend nach Etwas, was es nicht zu erfassen vermochte...
Zum Einzelgänger unter dem Stern des schwarzen Herzens geboren, zog es sich in seine eigene Welt zurück... Verlacht durch Mitmenschen, verkannt von der eigenen Familie, verstoßen von Freunden wurde das Wesen immer einsamer... Und doch wuchs seine Kraft, sein Stolz, sein Wille.... Seine innere Einstellung wandelte sich in das Melancholische, ins Dunkle... Vielleicht erhörte es damals aber auch nur sein schwarzes Herz, das in ihm schlug und es schon lange an Gedanken über das Leben, über die Menschen fesselte... Welch ein kräftiges, ja fast trotziges Schlagen war das doch...
Enttäuscht von den Menschen, die dem Wesen in seiner Kindheit alles bedeutet hatten, enttäuscht von sich selbst, da es nicht in der Lage war, die Welt zu ändern, zu verbessern, begriff das Wesen, wie klein und unbeholfen der Mensch ist, wie grausam das Leben ist und wie viel Leid auf Erden herrscht... Es machte seine innere Einstellung zu seiner Erscheinung, zu seinem Wesen, zu seinem Leben... Nicht willens und auch unfähig dieses zu verhindern...
Doch auch hierbei wussten Menschen, Hindernisse zu setzen, den Weg zu erschweren... Die Wandlung wurde von seinem Umfeld als kurzfristige Modeerscheinung abgetan - wie sollte ein Mädchen von 16 Jahren derart "abdriften"...?! Wie kann es sein, dass ein Teenager sich nur noch mit dem Tod auseinandersetzt, sich in schwarz hüllt und vor allem diese "grauenhafte" Musik hört...?! Keiner konnte das Wesen verstehen – oder vielleicht wollte es auch keiner, das Wesen weiß es bis heute nicht... So begann es ein Leben abseits des Lichtes zu führen, begann sich seine eigene Welt zu erschaffen, auch wenn es dieses oft zu selbstzerstörerischen Handlungen veranlasste... Die Finsternis ward seine Heimat, seine Zuflucht... Ein Ort der Stille, an dem es atmen konnte, spüren konnte, dass es lebte, dass es zwar anders war, aber im Gegensatz zu Vielen, die es kannte, glücklich war...
Und immer wieder wurde das Wesen zum Außenseiter... Egal wohin es ging, egal, was es tat... Es zog sich immer mehr in sich zurück, frönte dem Alkohol und den Drogen, was für das Wesen damals die einzige Möglichkeit der Flucht vor der Wirklichkeit wurde... Durch die Zurückweisung durch andere verlor es den Halt, schien sein Leben völlig aufzugeben... War es doch lange nicht so stark wie es gedacht hatte... So trieb es dahin in einer Zwischenwelt...
Doch merkte das Wesen zum Glück irgendwann, dass es nicht weitermachen konnte, wie es sein Leben aufgebaut hatte... Es wäre im Sumpf untergegangen, stumm schreiend, sich an nicht vorhandene Strohhalme klammernd... Die Menschen hatten ihr Werk vollbracht, hatten das Wesen in die Knie gezwungen, es fast zerstört mit ihren Zweifeln, Lügen und ihrer Abneigung... So kehrte das Wesen seinem Selbst den Rücken zu, versuchte, sich zu erretten, sich vor weiteren Exzessen zu bewahren... Es nahm radikale Änderungen vor, fast allen Wesen, die es bis dato meinte zu kennen, sagte das Wesen Lebewohl, es wandelte sich aus Selbstschutz... Oder war es doch nur die Angst davor, immer gegen den Strom der Welt, des Lebens zu schwimmen...? Die Melancholie, die sich in seinem Inneren ausgebreitet hatte, war zu groß geworden, hätte das Wesen immer mehr eingenommen und wahrscheinlich irgendwann sein Ende bedeutet...
Das Wesen begann ein Leben im Licht zu führen, knebelte sein schwarzes Herz, seine schwarze Seele und unterdrückte seine innere Melancholie, seine Verzweiflung, seine Ohnmacht... Mit der Zeit lernte das Wesen wieder, dass das Leben auch ohne Alkohol und Drogen durchaus schöne Aspekte hat, es etwas zu bieten hat, wenngleich das nicht immer offensichtlich sein mag... Das Wesen erlernte das Lachen wieder und erwarb die Fähigkeit, sein Gefühle im Zaum zu halten, was sämtliche Erinnerungen an sein schwarzes Herz, seine schwarze Seele auslöschte ...
Mit den Jahren lernte das Wesen dann, mit seiner Traurigkeit, die es im wieder und immer öfter urplötzlich, ohne scheinbaren Grund, überkam, umzugehen, sie zuzulassen... Heute weiß es, dass diese Traurigkeit sein Wesen war, das versuchte, sich gegen die Fesseln, in die das Wesen es gelegt hatte, zu wehren versuchte... Die Momente dieser unsagbaren Traurigkeit lebte es allein aus, abgeschottet von denen, die es unterstützten, es vielleicht sogar liebten... Das Wesen verschloss sich wieder immer mehr, ließ nur wenige einen Blick auf sein Inneres erhaschen, war auf der Hut vor denen, die sein Vertrauen suchten, baute eine Mauer des Misstrauens um sich herum, denn niemals blieb es von Enttäuschungen verschont... Und mit diesen Enttäuschungen konnte es nicht – und kann es auch heute noch nicht – umgehen... Das Wesen begann wieder, sich in eine innere Einsamkeit zurückzuziehen, die ihm meist sehr viel Halt gab... Sicherlich war dieses aber auch nicht immer einfach, viele Hürden musste das Wesen alleine nehmen, die Intoleranz der Gesellschaft, Anfeindungen, Intrigen, Vorurteile und Verhetzungen standen an der Tagesordnung... Und auch heute flüchtet es sich immer wieder in seine Einsamkeit, genießt es, sich dort seiner Traurigkeit hinzugeben... Doch muss das Wesen zugeben, dass es damals seine innere Einstellung nicht mehr ganz so öffentlich machte, wie es es vielleicht früher einmal getan hatte... Die Gesellschaft mit ihren oft überholten Werten und Normen hatte es mürbe gemacht... Auch, weil das Wesen nie wirklich den Rückenhalt gehabt hatte, den es gebraucht hätte... Es schien äußerlich "normal" zu sein, abgesehen davon, dass es sich immer noch nur schwarz kleidete... Doch sehnte sich sein Inneres immer mehr nach der Dunkelheit, sehnte sich nach so Vielem, was es niemals erreichen konnte...
Irgendwann jedoch kamen die Erinnerungen zurück... Fiel der Knebel von dem schwarzen Herzen, der schwarzen Seele, schüttelte das melancholisches Wesen endgültig alle Fesseln ab und das Wesen stand vor der Aufgabe, mit all den "alten neuen" Eindrücken umzugehen, das Kind des Lichts, das für viele über Jahre hinweg geschauspielert und auch sich selbst stetig belogen hatte, mit dem Kind der Finsternis, das nun mit mehr Stärke, mehr Kraft, mehr Willen denn je an die Oberfläche drängte, zu verknüpfen... Dieses war eine Zeit, in der das Wesen oft nicht Herr seiner Gedanken war, es stand zwischen den beiden Persönlichkeiten, ohne Boden unter den Füßen – und fiel... Der Fall wurde beizeiten von Teilen der beiden Persönlichkeiten abgefangen, die sich zu einem Ganzen zusammenfügten... Letztendlich gelang es dem Wesen durch viele Gespräche mit anderen lieben Wesen und mit dem Halt, die sie vermochten ihm zu geben, zu sich zurückzufinden: zu sich selbst, dem Kind der Finsternis...
Durch all diesen Beistand ist es dem Wesen gelungen, zu lernen, sich auszuleben, es selbst zu sein, mehr denn je... Es weiß, dass es stark genug ist, den Weg zurückzugehen, denn die Verknüpfung der beiden Persönlichkeiten ist noch nicht abgeschlossen... Immer wieder erhascht das Wesen heute die Melancholie – zuweilen stärker als sie es früher jemals getan hatte... Das sind dann Momente, in denen es an allem zweifle, in denen es das Leben, die Menschen, als derart missachtenswert sieht, dass es kaum Kraft hat, die Tretmühle des Lebens weiter zu treten, doch kämpft es weiter gegen die Windmühlen an, erlebt den Schmerz, das Leid auf dieser Welt und überlebt... Auch versuchen immer noch die Mauern des Misstrauens vor Verletzungen zu schützen, was ihnen wahrlich nicht immer gelingt... Doch ohne diese Mauern wäre das Wesen nicht es selbst, wäre es oft zu schwach... Die Mauern geben ihm Halt, in dieser Welt zu überleben... Dieses Leben zu leben...
Das Wesen weiß heute, dass es sein schwarzes Herz, seine schwarze Seele niemals wirklich ablegen wird, dafür findet es sich in der Welt, wie sie ist, zu schlecht zurecht... Beides ist ein Teil von ihm, sein Wesen, seine Einstellung, sein Alles... Ihm ist bewusst geworden, dass man sich nicht auf Dauer dagegen wehren kann, dass man sich nicht dagegen wehren darf... So wie auch Kinder der Finsternis eben immer Kinder der Finsternis sind... Es ist keine Einstellung, die man sich aneignen kann, man ist es einfach... Ein schwarzes Herz macht sehender, fühlender, empfindsamer... Was eine Existenz nicht immer einfacher gestaltet... Aber der Weg eines schwarzen Herzens ist vorgezeichnet, er muss nur gegangen werden... Mit all der Traurigkeit, aber auch all der Freude, die auch ein schwarzes Herz erquicken und am Schlagen halten kann...
Eine Einstellung, die das Wesen immer begleitete, auch als Kind des Lichts ist die der Erlösung... Es sieht seit langen Jahren seine Erlösung im Tod... Der Tod, das Ende allen Übels, die Erlösung, der Sinn des Lebens... Denn nur in diesem wird es seinen endgültigen Seelenfrieden finden, nur dann kann es das Leid, die Schmerzen, die das Leben mit sich bringt, die das Leben vor allem den Menschen bringt, die das Wesen in sein schwarzes Herz geschlossen hat, hinter sich lassen... Den Schmerz, den das Wesen zuweilen in sich fühlt, als sei es der Schmerz aller Wesen, der ganzen Welt... Dennoch lebt es gerne, versucht, jeden Tag zu genießen, saugt das wenige Schöne förmlich in sich ein... Und so wird es auch niemals seinen Glauben, seine Kraft vollends verlieren...